Alessandro Baricco
Novecento - Die Legende vom Ozean-Pianisten

"Stell Dir vor: Ein Klavier. Die Tasten fangen an. Die Tasten hören auf. Sie sind nicht unendlich. Du bist unendlich und in diesen Tasten ist die Musik unendlich, die Du machen kannst."

Im Spielplan ab So 15.April 2012 - 18.00 Uhr
Eine märchenhaft-poetische Geschichte vom Ozeanpianisten Novecento:

Novecento wird im Jahr 1900 auf dem Überseedampfer "Virginian" geboren und vom Matrosen Danny Boodman gefunden und adoptiert.
Zeit seines Lebens wird er dieses Schiff nie mehr verlassen, obwohl er einmal versucht ist, dieser kleinen Welt zu entkommen. Er möchte das Meer vom Land aus sehen. Ein absurder Gedanke. Doch im letzten Moment entscheidet sich Novecento anders. Er dreht der Welt den Rücken, für immer. Kehrt zurück, unterhält weiter als Pianist zusammen mit seinem Freund die Passagiere von der ersten bis zur dritten Klasse und lässt ihre Erlebnisse, Hoffnungen und Wünsche in seine Musik einfliessen. Als Ozeanpianist wird er weltberühmt.

Seine Musik spiegelt all das, was er selbst nie gesehen, empfunden oder besessen hat. Und während er spielt, reist er in Gedanken in ferne Länder, die er nie gesehen hat, und kann absonderlicherweise deren Landschaften, Menschen und Gerüche genau beschreiben. Woher er diese Gabe hat, bleibt ein Geheimnis.

"Novecento" schildert farbenprächtig eine Welt der Armen und Reichen, die gleichermassen darauf aus sind, nach Amerika zu gelangen. Das Stück erzählt von den Tanzparties an Deck und den stillen Zusammenkünften der Armen unter Deck, wo Novecento seine ganz eigene Musik, seinen Jazz spielt. Musik - die sich von der offiziellen Unterhaltungsmusik der Parties unterscheidet. Er berichtet von musikalischen Wettkämpfen und einer ganz eigentümlichen Musik, die der Ozeanpianist Novecento in dieser Erzählung zu spielen vermag.

Bariccos Erzählweise ist nicht nur poetisch, sondern auch witzig und intelligent - eine große Geschichte mit einem außergewöhnlichem Helden nach Novecentos Motto: Solange du eine gute Geschichte auf Lager hast und jemanden, dem du sie erzählen kannst, bist du noch nicht am Ende.

mit Helmut Förnbacher
Inszenierung: Stefan Saborowski

das schreibt die Presse:

Eine Parabel über das Leben

In einem bewegenden Monolog lässt Helmut Förnbacher in der Figur des Erzählers die Welt an Bord der „Virginian“ Ende der 20er Jahre und Anfang der 30er Jahre lebendig werden.

Der Ozean war sein Zuhause. Er wurde auf einem Schiff geboren und verließ es sein Leben lang nicht mehr. Und er konnte Klavier spielen wie kein anderer. Wenn er an den Tasten saß, entstand eine Musik, wie sie niemand zuvor gehört hat. Ein Mann, das Meer und die Musik: Davon erzählt der italienische Schriftsteller Alessandro Baricco in seinem Buch "Novecento – Die Legende vom Ozeanpianisten". Als Ein-Personen-Stück ist diese Geschichte nun im Förnbacher Theater im Badischen Bahnhof Basel zu erleben.

Ein Klavier, lauter Instrumentenkoffer, ein Tresen mit Barhockern, ein Tischchen sind verteilt im weiten Bühnenraum, man hört Wellenrauschen und Jazzklänge. Theaterchef und Schauspieler Helmut Förnbacher schlüpft selbst in die Rolle des Trompeters Tim Tooney, der sich in Rückblenden an seinen besten Freund, den Ozeanpianisten, erinnert. Im weißen Anzug gibt Förnbacher diesen Trompeter, der in der Jazzband auf dem Dampfer "Virginian" spielt und dort den legendenumwobenen Novecento kennen lernt.

Es ist das Jahr 1900, als der Matrose Danny in einer Kartonschachtel auf dem Flügel im Ballsaal der Ersten Klasse ein ausgesetztes Kind findet und es "Novecento" nennt. Das Findelkind entpuppt sich bald als musikalisches Wunderkind, das so schön und zart auf dem "schwarzen Zauberklavier" spielen kann. Sein Lebtag bleibt Novecento auf dem Ozeanriesen und schafft es nicht, jemals einen Fuß an Land zu setzen. In einem bewegenden Monolog lässt Förnbacher in der Figur des Erzählers durch seine variable Schauspielerstimme, seine Gestik und Mimik die Welt an Bord der "Virginian" Ende der 20er Jahre und Anfang der 30er Jahre lebendig werden.

Besonders fesselnd und dicht wird es, wenn Tooney von den verheerenden Stürmen erzählt, von jener denkwürdigen Nacht, in der Novecento im tosenden Orkan einen Wellentanz mit dem Klavier veranstaltet, einen wilden Walzer mit dem Flügel auf dem schwankenden Schiff. Ebenso intensive Momente hat das Ein-Mann-Stück in der Szene, in der der berühmte "Erfinder des Jazz" Jerry Roll Morton an Bord kommt und Novecento zum Duell am Klavier herausfordert. Das ist große Erzählkunst, wie dieser "Wettstreit" zweier Klaviergenies geschildert wird. Hier der selbstbewusste Jerry Roll Morton mit seinen Händen wie Schmetterlingen und den Tönen, die dahingleiten wie Seide, dort Novecento mit einer wahnwitzigen Akrobatik auf den Tasten.

Regisseur Stefan Saborowski holt das Möglichste an atmosphärischer Dichte aus dieser poetisch-traumhaften Erzählung. Die immer wieder eingeblendete Musik von Jazzgrößen wie Miles Davis, Oscar Peterson, Art Tatum, Chet Baker oder von Gershwins "Summertime" trifft den Geist dieses Stücks wunderbar. Denn die Musik spielt eine zentrale Rolle in der Erzählung über die Macht der Freundschaft, die Magie der Musik und des Meeres. "Das Meer ist wie ein einziger Schrei", heißt es einmal.

Wie der Trompeter Tooney seinen Freund Novecento beschreibt, hat nicht nur viel Gefühl, Herz und Humor, sondern auch philosophische Tiefe. Da wird das Stück zu einer Parabel über das Leben, über Einsamkeit, Träume und Sehnsüchte, die man hinter sich lassen muss, um sie zu erfüllen. Zum Schluss seines großen Solos sitzt Förnbacher in Mantel und Hut zwischen Koffern, verhüllt das Klavier und die Möbel mit weißen Tüchern und erzählt, wie Novecento bis zuletzt auf dem versenkten Schiff bleibt und mit ihm untergeht. Ein stimmungsdichter, bewegender Abend.

Badische Zeitung Roswitha Frey

Novecento - Die Legende vom Ozeanpianisten im Förnbacher Theater Basel: Fast so gut wie ein Film

Man muss vielleicht nicht das Taschentuch parat haben wie am Schluss des Films - aber es geht einem doch schon irgendwie nahe, die traurige Geschichte vom Ozeanpianisten Novecento. Am Neujahrsmorgen des Jahres 1900 wird ein Baby auf dem Flügel im Ballsaal der ersten Klasse des Luxusdampfers Virginian ausgesetzt und von einem Matrosen gefunden und adoptiert. Der Einfachheit wegen nennt er den Jungen Novecento, italienisch für Neunzehnhundert. Der Junge wächst an Bord des Passagierdampfers auf, entdeckt irgendwann die 88 schwarzen und weißen Tasten und wird ein gefeierter Pianist, schon zu Lebzeiten eine Legende. Sein Leben ist der Flügel, das Schiff.

Er wird sein ganzes Leben auf dem Dampfer verbringen und keinen einzigen Schritt an Land setzen, obwohl ihn sein bester Freund, der Trompeter der Bordkapelle, öfter dazu animiert. Nur einmal möchte er das Meer vom Land aus sehen, von New York aus, aber er kehrt auf der Gangway wieder um.

Die Geschichte wird aus der Sicht des Trompeters aufgerollt. Er blättert in seinen Erinnerungen, denkt an das spektakuläre Klavierduell, das sich auf diesem Überseedampfer der arrogante Chicagoer Jazzpianist Jerry Roll Morton mit Novecento geliefert und schmählich verloren hat. Und er schildert eine Begebenheit bei hohem Seegang, einer Flügelfahrt durch den Ballsaal, die krachend mit einem Crash endet. Es ist ein poetisch-tragisches Märchen über die Einsamkeit und die Heimatlosigkeit des Menschen, das eigentlich nur ein guter Spielfilm erzählen kann.

Die Legende vom Ozeanpianisten des italienischen Schriftstellers Alessando Baricco wurde auch einmal verfilmt. Aber was liegt bei einem Filmschauspieler und -regisseur wie Helmut Förnbacher näher, als diese gefühlvolle Erzählung in seinem eigenen Förnbacher Theater im Badischen Bahnhof Basel selber nachzuspielen. Auf was muss der film- und fernseherfahrene Darsteller in diesem Ein-Mann-Stück auf der Theaterbühne alles verzichten, was ihm im Studio möglich wäre: Was gäbe es da nicht an tollen Kamerafahrten von Bug zu Heck, an schnellen Schnitten? Was gäbe es da an spannenden Großaufnahmen des Gesichts und der klavierspielenden Hände Novecentos!

Das bringt Förnbacher in seinem langen wunderbaren Monolog allein über die Erzählung, Mimik, Stimme und Gestik und kleine szenische Momente mit wenigen Requisiten rüber. Er zeigt in der Figur des Trompeters, einer sehr textreichen Rolle, viel Gespür für die Seele seines Freundes, des wundersamen Ozeanpianisten, und für diese Geschichte um Musik und Freundschaft. Regisseur Stefan Saborowski hilft ihm dabei, dass bei diesem modernen Märchen alles stimmt, von der Ausstattung bis zur Musik, den vielen Jazzeinspielungen bekannter Jazzgrößen von Art Tatum über Fats Waller bis zu Chet Baker: ein Zusammenklang von Geschichte, Musik und Bildern. Fast so gut wie ein Film.

Die Oberbadische Jürgen Scharf

EINE GESCHICHTE MIT LEISEN TÖNEN
im Monolog «Novecento» glänzt Helmut Förnbacher als Erzähler.

Im Förnbacher Theater hatte Alessandro Bariccos Monolog «Novecento» Premiere. Helmut Förnbacher gibt den Erzähler der opulenten und poetischen Geschichte des eigentümlichen Ozean-Pianisten mit der Bescheidenheit des bewundernden Freundes.

Leise Jazzmusik ist zu hören, das Licht ist auf die kleine Bar mit dem umgestürzten Hocker gerichtet. In der Mitte eine kleine Bühne mit Instrumentenkoffern, dahinter ein Klavier. An einem kleinen Tischchen sitzt ein Mann im weissen Anzug. «Amerika. Jedes Mal sagte es einer. Auf jedem Schiff gab es so einen, der es zuerst sah. Amerika.» So unvermittelt das Land am Horizont auftauchen muss, so plötzlich ist man mitten in der Geschichte. Nach und nach erfahren wir, dass der Erzähler mit 17 an Bord der «Virginian» ging, um dort sechs Jahre lang für die Gäste Trompete zu spielen. Und wir erfahren, dass er eigentlich die Geschichte eines anderen erzählt. Die Geschichte von Danny Boodman T. D. Lemon Novecento.

ES IST EINE WAHRHAFT fantastische Geschichte. Von einem Säugling, der am ersten Tag des Jahrs 1900 auf dem Flügel des Ballsaals erster Klasse in einer Zitronenkiste gefunden wird. Das Kind lächelt seinen Finder an, dieser nimmt sich des Kindes an und gibt ihm seinen Namen. Plötzlich enthüllt der kleine Junge seine Gabe, Klavier zu spielen. Er wird zum Schiffspianisten, und als er 1927 die Bekanntschaft des Trompeters macht, ist er ein berühmter Pianist, der spielt, wie sonst niemand. Und er hat die «Virginian» noch nie verlassen.

In Alessandro Bariccos 1994 geschriebenen Monolog geht es immer ums Erzählen. Es ist Novecentos Geschichte, die er seinem besten Freund erzählt hat, der sie nun dem Publikum erzählt. «Du bist noch nicht aufgeschmissen, solange du noch eine gute Geschichte hast, und einen Freund, dem du sie erzählen kannst», habe Novecento gesagt. Und auch der Trompeter hat jede Menge Geschichten auf Lager. Langsam kreisen diese die Handlung ein, bis sich am Schluss das schon zu Beginn Angedeutete in einer eigentlich spektakulären Handlung und gleichzeitig völlig unspektakulären und leisen Worten auflöst.

HELMUT FÖRNBACHER spielt den Erzähler und besten Freund des Ozean-Pianisten mit einer Mischung aus Unschuld und Schalk, die den 17-jährigen Trompeter lebendig werden lässt, und der Ruhe und Ironie, die einem Mann seines Alters entspricht. Letzteres lässt auch die Rückblende, die der Monolog darstellt, noch deutlicher werden. Dem entspricht die etwas heruntergekommene Einrichtung, die angesichts der Beschreibungen des prunkvollen Ballsaals erster Klasse mit dem schwarzglänzenden Flügel zuerst gar nicht so recht passend erscheinen will. Als Sinnbild einer verblassenden Erinnerung hingegen schon.

Die Längen, die der Theaterabend von Zeit zu Zeit aufweist, haben sicherlich mit der grossen Menge an Text zu tun, die ein Monolog mit sich bringt. Doch geht es den Zuschauern ein bisschen wie einem Schiff, das in den Wellen schaukelt und unweigerlich von der Strömung in eine Richtung getrieben wird: Man wird immer wieder von der Geschichte in den Bann gezogen.

Den fesselnden und poetischen Text - eine eigentümliche Mischung aus Pathos sowie rührenden Themen wie Armut, Tod, Freundschaft fürs Leben und unerwartetem Witz mit schrägen Pointen. Diesen Text bringt Förnbacher letztlich rüber. Er gibt sich diesem Text hin und erzählt ihn auf eine bescheidene Art und Weise. Und immer in den entscheidenden Momenten ist man mitten in der Geschichte, und aus dem bescheidenen Klavier in der Ecke wird ein veritabler glänzender Flügel.

Basellandschaftliche Zeitung Michèlle Faller


Die Welt als ein zu grosses Schiff
Die Geschichte eines Ozeanpianisten, dem es auf seinem Dampfer an nichts fehlt – schon gar nicht an Weltkenntnis.

Ein Podest ist mit Geigenkoffern übersät, rechts steht eine Bar, links ein Flügel. Inmitten dieser salonartigen Ausstattung beginnt der Trompeter Tim Tooney vom Ozeanpianisten Novecento zu erzählen. Das neue Jahrhundert gibt dem Findelkind seinen Namen. Im Jahr 1900 wird Novecento im Ballsaal eines Ozeandampfers gefunden, den er zeit seines Lebens nicht verlassen wird.

Offiziell nie geboren, reift das Findelkind zum genialen Klavierspieler heran, der von der Welt mehr zu wissen scheint als die Passagiere an Bord. «Er kannte die Welt nicht und kannte sich doch in ihr aus», erzählt Tooney, «die Welt kam auf dieses Schiff, er spionierte sie aus, er konnte in den Menschen lesen, die Gerüche, die Geschichten eines Landes nachempfinden.»

Stefan Saborowksi inszeniert Alessandro Bariccos Roman «Novecento» mit viel Liebe zur Poesie. Helmut Förnbacher liefert als monologisierender Beobachter eine überzeugende Ein-Mann-Show. Unterstützt durch Klaviermusik aus dem Hintergrund, kreiert er eine Welt, in der die Zuschauer wie auf den Wellen des Ozeans getragen werden. Sie schaukeln mit, wenn ein Unwetter tobt, und sind verblüfft, als Novecento beschliesst, das Schiff, auf dem er sein Leben verbracht hat, zu verlassen. Mit einem leisen Gefühl der Erleichterung atmen sie auf, wenn er auf der dritten Stufe haltmacht und an Bord zurückkehrt. «Die Welt da draussen ist ein zu grosses Schiff für mich», erklärt Novecento. Er verlässt den Dampfer auch nicht, als dessen Sprengung beschlossene Sache ist.

So geht der Ozeanpianist – und ist glücklich, als man ihm im Himmel sagt, es gäbe für seinen weggesprengten linken Arm nur noch rechte Exemplare im Angebot. Denn was für himmlische Musik könne er wohl mit zwei rechten Händen auf seinem Klavier spielen?

BaZ Anna Furrer